Mama

Wenn man soviel Angst in sich hat
wie Vertrauen ...
Wenn man soviel Liebe in sich hat
wie Hass ...
Wenn man soviel Tränen in sich hat
wie Lachen ...
Wenn man glücklich ist
und traurig ...
.. dann ist die Wahl der Gefühle
so unheimlich schwer!
  (Gabi Paxmann)

Sehr lange habe ich überlegt ob ich diese Seite machen soll, bin aber zu der Überzeugung gekommen, dass zwischen meiner Mutter und mir so viel Unausgesprochenes steht , so dass ich einmal all das auch einmal hier niederschreiben will!!

Meine Mutter war Baujahr 1921 im Sternbild des Widders  geboren worden. Ihr Vater, also mein Opa war Werkzeugmacher und ihre Mutter, meine Oma war zu Hause bei den Kindern, denn meine Mutter hatte noch eine  jüngere Schwester und noch einen jüngeren Bruder.  So das war die Kurzform  über die Eltern meiner Mama, denn hier will ich eigentlich nur über meine Eltern erzählen und zwar nur das, an was ich mich auch erinnern kann!! Was am Ende  draus wird, eine Abrechnung  mit innerlicher Aussöhnung oder noch mehr Verständnislosigkeit, ich habe keine Ahnung! Man sagt ja immer man kann alles verzeihen aber nicht alles vergessen.....nun ja, vergessen habe ich nichts, ob ich verzeihen kann?

Meine Mutter ,mein Papa und dazwischen ich! Trügerische Harmonie

1952 Kindergarten-Gedankensplitter

Sogar  dieses Bild trügt!! Meine Mutter hatte immer was an mir auszusetzen, dieses Mal waren es meine blondierten Haare, aber ich war auf diesem Bild immerhin schon 33 Jahre alt, also alt genug um das zu tun was ich auch tun wollte! Daneben steht mein Goldstück, mein Papa!! Armer, armer Papa, wie konntest Du diese Frau so viele Jahre ertragen? Aber schön von Vorne beginnen! An meine  jüngste Kindheit habe ich nur Gedankenblitze im Kopf, ich sehe mich selber im Kindergarten, sehe Mama , die gekommen  war um mich mit meinem Bruder vom Kindergarten abzuholen. Mama hatte immer einen Arm um meinen Bruder Karl gelegt, sie liebte ihn abgöttisch! Andauernd knuddelte sie ihn ab, strich ihm über den Kopf, schmuste mit ihm herum. Ich weiss noch, dass ich mir schon damals immer sehnsüchtig gewünscht hatte von ihr einmal umarmt zu werden, denn bei mir tat sie das niemals! Der Vater meines Bruders war an der Front gefallen und muss die große Liebe meiner Mutter gewesen sein, wahrscheinlich war sie deshalb so auf Karl fixiert. So stand sie da mit einem ledigen Kind, was damals ja eine Riesenschande war, und sie lernte meinen Papa kennen, der um 13 Jahre älter war als sie. Sie sagte mir immer, sie hätte ihn niemals geliebt, hätte ihn nur geheiratet, weil er bereit war  Karl zu adoptieren. Mein Bruder aber , der sagt immer sie wäre auch für ihn eine schlechte Mutter gewesen......kann schon sein, er ist ja um 7 Jahre älter als ich und ich habe wirklich keine Ahnung wie sie zu ihm war als er jünger war.....angeblich hat Mama sogar als er älter war auf seinen Namen Schulden gemacht und diese dann nicht bezahlt, aber so genau weiß ich das alles nicht, wir sprechen ja nicht miteinander.........ich kann ja alles nur aus meiner Sichtweise erzählen................

1956

Hier setzt eigentlich erst meine bewusste Erinnerung ein! Ich habe keinerlei Erinnerung an meine Einschulung, an meinen ersten Schultag, an kein Weihnachten, also an nichts! Es ist weg, einfach ausgelöscht!! Man sagte mir einmal, es muss da einiges an Schlimmen passiert sein, und mein Unterbewusstsein hat einfach diese Dinge ganz weit nach hinten, irgend wo auf den Grund meiner Seele gestellt und so verdrängt!  Also diesen 11. August 1956 werde ich niemals vergessen, das Datum weiß ich  noch ganz genau, denn es war 4 Tage vor meinem 8 Geburtstag , als ich meinen Bruder aus der 1. Ehe meines Papas kennen lernte. Papa war ja viele Jahre in Oker am Harz in Deutschland verheiratet gewesen, und bei der Scheidung blieb sein Sohn Kurt bei der Mutter. An diesem Tag kam Kurt mit seiner Mutter zu Besuch nach Österreich. Sie  waren mit einem Motorrad gekommen und ich war so stolz, weil ich in den paar Wochen , in denen mein Bruder da war, immer auf dem Sozius mitfahren durfte. Ich  war sofort in Kurt verliebt, war so stolz einen so großen Bruder zu haben. An meinem 8. Geburtstag bekam ich das 1. richtiges Geschenk meines Lebens von ihm, ein Federballspiel! Ich war unendlich traurig, als  Kurti wieder nach Deutschland zurück fahren musste. Er hatte sich so um mich gekümmert, ging mit mir schwimmen, spielte mit mir , und er war ein ganz toller liebevoller Bruder. Ich wusste, er hat mich lieb, und er liebte mich auch bis zu seinem Tod  im Jahre 1988. Woran ich auch noch  sehr gut erinnere ist, wir waren sehr, sehr arm! Mein Papa konnte noch so viel arbeiten und Überstunden machen, meine Mutter konnte einfach keinem Vertreter wiederstehen! Sie kaufte einfach alles und dies natürlich auf Raten. Papa wusste rein gar nichts davon, erst wenn er die Lohnpfändung bekommen hatte, dann hat er es erfahren. Es gab nur Gebrüll und Geschrei, sie stritten sich andauernd! Damit das Geld wieder irgend wie reinkam, musste ich immer mit meiner Mutter um 4 Uhr früh aufstehen, außer im Winter, und wir sammelten Schnecken, Beeren, Pilze, Kastanien, jeden Tag musste ich  auf meinem Rücken einen Buckelkorb tragen, der  bis obenhin gefüllt war! Oft kamen wir erst wieder um 7 oder 8 Uhr Abends nach Hause, dann mussten wir das Zeug auch noch über einen ziemlich hohen Berg zur Sammelstelle schleppen, dort wurde dann alles gewogen und meine Mutter bekam ein paar Schillinge dafür. Dann wieder den ganzen Berg zurück nach Hause, oft kam ich erst weit nach Mitternacht ins Bett, musste aber  trotzdem wieder um 4 Uhr früh aufstehen, und das Ganze begann wieder von Vorne!! Ich musste immer mit, egal ob ich die Schule versäumte, sie schrieb mir dann einfach eine vor Lügen strotzende Entschuldigung, und das wars  dann auch schon!

1956-1959

Ich glaube, immer wenn etwas ganz Gravierendes in meinem Leben passierte, dann blieb es mir ganz besonders im Gedächtnis haften. Also im Mai 1957 sollte meine Erstkommunion sein! Vorher wurde aber in der Kirche das Ganze mit dem Kaplan durchgeübt. Wir mussten auch ein jeder 2,- Schillinge in die Kirche mitbringen, die sollten für die Unkosten bei der nachträglichen Feier  sein. Ich hatte das 1. Mal Geld in meinen Händen, denn wir waren bitter arm! Die anderen Kinder meiner Klasse hatten ja immer Geld für Süßigkeiten bei sich, ich niemals! Ich war ja so wie so schon ein Außenseiter, denn ich lief von Mai bis Ende September ohne Schuhe in die Schule , und auch sonst muss ich ganz ehrlich sagen, lief ich in alten Klamotten von meiner Mutter rum, sah also aus wie eine alte Vogelscheuche, und das trug natürlich sehr zur Erheiterung meiner Mitschüler bei. An diesem Tag liefen alle meine Klassenkameraden nach der Übung in der Kirche zur Eisdiele in unserem kleinen Ort, ich lief einfach mit, konnte nicht wiederstehen, ganz fest hielt ich die 2,- Schillinge in meiner kleinen Faust, nein, ich hatte sie nicht abgegeben, ich wollte mir auch einmal ein Eis kaufen!! Es kam wie es kommen musste! Der Pfarrer kreuzte bei meiner Mutter auf und fragte um das Geld! In der Ecke zwischen Wand und Kasten in der Küche, stand immer ein Reisigbesen. Meine Mutter wurde so was von wütend, dass sie sich den Besen griff, eine  dicke Rute aus dem Bündel heraus zog, und sie verprügelte mich so lange, bis meine Haut auf den Armen aufplatze und mir das Blut wie ein kleiner Bach hinunterlief! Ohne Regung stand unser Herr Pfarrer daneben , er verzog keine Miene, dachte wohl nur an seine 2 Schillinge, die ihm entgangen waren!!! Mein Papa sollte mich dann auch noch immer nachbestrafen, Mama erzählte ihm dann am Abend  alles und sagte , er müsse mich dafür bestrafen! Papa fing dann immer mit ihr zu streiten an, denn er  konnte einfach nicht verstehen, warum er den Buhmann spielen sollte, warum er mich noch einmal bestrafen sollte! Mein armer lieber Papa...da flog dann alles, was in der Reichweite meiner Mutter stand, Geschirr, Schuhe, der Eimer mit Wasser, mein Papa bekam alles ab und da er schlecht hören konnte, sprach er auch sehr laut, und wenn  sich meine Mutter so hysterisch gebärdete, dann war bis in die Nacht hinein das Gebrüll und Gekeife zu hören. Ich lag dann voller Angst auf meinem durchlöcherten Strohsack, Matratze gab es ja keine,  die Decke über den Kopf gezogen,  trotzdem konnte ich nicht schlafen, ich  lernte aber dadurch mein Vokabular zu erweitern, denn Mama beschimpfte immer sofort nur mit Hure, Schlampe, Arschloch, Trottel, Idiot usw.....Auch  geweckt wurde ich auf  laute Art, denn meine Mutter war viel zu faul um aufzustehen um mich für die Schule zu wecken, also hatte sie immer einen Stoß Bücher neben ihren Bett liegen, diese nahm sie dann täglich und warf eines nach dem Anderen gegen die Wand, dabei brüllte sie so lange meinen Namen, bis ich wach wurde und aufgestanden bin. Niemals gab es Frühstück oder eine warme Stube im Winter, nicht einmal Wasser war im Eimer, und so musste ich auch noch raus über einen großen Hof zum Brunnen laufen um einen Kübel Wasser zu holen. Bis ich dann wieder zu Hause war, hatte ich die Hälfte schon verschüttet, denn ich war ja noch so klein und der Kübel so schwer!!

So kam der Tag meiner Erstkommunion. Ich hatte ein weißes Kleid von meiner Tante geschenkt bekommen und ich war sehr stolz darauf, nur die schwarzen hässlichen Schuhe störten, aber ich hatte ein Kleid und weiße Strümpfe, das zählte für mich!  Genau an diesem Tag hatte meine Mutter  den Maler im  Haus, die ganze Wohnung sollte  gestrichen werden. Meine Mutter war also nicht an diesem , für mich so wichtigen Tag dabei!  Nachdem die Feier in der Kirche vorbei war, trafen wir Kinder alle im Festsaal der Pfarre zusammen um  Kakao und Kuchen zu essen. Meiner Tischnachbarin fiel unglücklicherweise der Löffel mit Kakao drauf genau auf mein weißes Kleid, und ich sah schrecklich aus, überall nur Kakaoflecken, von oben bis unten!! Ich weinte bitterlich und machte mich auf dem Weg nach Hause. Auf dem Weg dorthin waren gerade Straßenarbeiter dabei  Teer zu kochen, überall lagen riesige Streusandhügel und als ich über einen kletterte passierte es.....ich fiel kopfüber in  den Teer, der Gott sei Dank nicht mehr kochend heiß war! Die Arbeiter zogen mich heraus, oh Gott, ich sah schrecklich aus, die Schuhe steckten noch im Teer, und ich war eine einzige Teerkugel. Meine Mutter bekam als sie mich sah sofort einen ihrer hysterischen Anfälle. Ohne mich zu fragen, was eigentlich passiert war, kam der berühmte Griff zum Besen und sie prügelte mich windelweich. Noch heute sieht man die blassen Narben von den Hieben, so sehr hatte sie mich geschlagen, ja eigentlich  ausgepeitscht! Dann sperrte sie mich in unserem Plumpsclo ein. Ich weiss noch, dass ich die Scheiben einschlug und durch das zersplitterte Glas rauskletterte, mich überall aufschnitt und abhaute. Ich wollte nicht mehr, nie wieder, nach Hause zurück! Nie mehr!!! Ich war zu dumm um zu weit weg zu laufen, blieb einfach in unserem Dorfpark auf einer Bank sitzen, meine Mutter fand mich dann  mitten in der Nacht schlafend, und wau.....sie schlug mich nicht, sie war so in Sorge, dass sie nur sagte "Gott sei Dank, dass ich Dich gefunden habe!" Diesen Satz habe ich mir tief in mein Gehirn eingebrannt, denn jedes Mal, wenn ich abhaute,  kam ich erst wieder  mitten in der Nacht nach Hause, und jedes Mal  war sie einfach froh, dass ich wieder da war, sie schrie und tobte zwar, aber sie schlug mich nicht mehr!

In der Schule wurde es immer schlimmer, ich wollte einfach nicht mehr, denn die Kinder verspotteten mich immer , machten sich über meine Kleidung, mein ewiges Barfußlaufen, und natürlich über meine  schmutzigen Fußsohlen lustig. Freunde hatte ich keine, denn die Eltern der Klassenkameraden verboten ihren Kindern den Umgang mit einem "Gesindelkind". Ich lief immer öfter von zu Hause weg, denn als ich 9 Jahre alt war, wurde ich auch noch von meinem Kousin vergewaltigt, und dies wiederholte sich sehr oft, denn meine Mutter war verrückt nach diesem Jungen, den Sohn ihrer Schwester, und er verbrachte viel Zeit bei uns und schlief dann immer  mit mir in  dem Zimmer auf dem verdreckten, feuchten , stinkenden Strohsack. Niemand ahnte etwas, ich sprach auch nicht darüber, denn ich wusste, es hätte mir niemand auch nur ein Wort geglaubt, Franz war ja der Liebling bei den Großeltern, bei meinen Eltern, der beste Freund meines Bruders....ich schwieg und litt im Stillen!! Das Einzige was ich tun konnte war, dass ich weglief, immer öfter, immer länger, ich schlief auf Parkbänken, versteckte mich am Schloßberg in Pitten in unseren Felshöhlen, dort fühlte ich mich beschützt und lernte alleine zu sein mit mir selber, meinen Gefühlen und Gedanken. Ich war zwar erst 10 Jahre alt, aber ich hatte mir in meiner Höhle tief drinnen im Berg eine richtige kleine Welt geschaffen. Ich klaute meiner Mutter Kochgeschirr, Polster und Decken, lies beim Kaufmann im Ort Lebensmittel anschreiben und versteckte alles in meinem "Bunker" Ich wusste ja wie man Feuer macht, musste das ja auch zu Hause immer machen, Mutter wollte ja eine warme Wohnung haben, wenn sie aufstand, und so hauste ich dort  oft tage-und nächtelang, habe mir Kartoffeln und  Wurst über einem Feuer gebraten, und kümmerte mich um 4 wilde Katzen, die dort immer rumliefen und sehr scheu waren, aber es gelang mir doch wirklich die Tierchen dazu zu bringen, nach einiger Zeit mit mir auf meiner Decke zu schlafen. Ich hatte auch einen Stoß Bücher bei mir, denn ich liebte das Lesen über Alles!! Ich erschuf mir in meinen Büchern eine eigene kleine heile Welt, hörte und sah nichts mehr, so sehr konnte ich mich in die Geschichten hinein versetzen, mich fallen lassen. Meiner Mutter schien es in der Zwischenzeit wohl egal geworden zu sein, ich kam und ging wann immer ich wollte, war ich da, dann war es ok, war ich nicht da, auch! Die Lehrer in der Schule waren genau so hilflos, aber es fragte ja auch keiner nach warum und weshalb ich mich so verhalte, ich war eben ein schwer erziehbares Mädchen, dass halb nackt rumlief (hatte ja nichts), sich nichts mehr gefallen ließ, frech und anmaßend war! 

Im Oktober 1958 bekam ich meine erste Regelblutung. Meine Mutter drückte mir  einfach eine Packung Binden in die Hand, das wars dann auch schon, nichts, kein Wort über Aufklärung, kein Wort wie und was.......! Es kam wie es kommen musste. Die Übergriffe meines Kousins gingen ja noch immer weiter, und eines Tages merkte meine Mutter.....schau...schau...sie  merkte doch tatsächlich mal was, was mich betraf....., dass meine Regel ausgeblieben war. Sie dachte ich sei krank und schleppte mich zum Frauenarzt. Dann gab es einen Riesenknall, er sah ja, dass ich keine Jungfrau mehr war und erzählte es meiner Mutter. Was tat meine Mutter?? Sie packte mich an meinen Haaren und schrie und tobte wie verrückt und trieb mich vor ihr her auf die Polizeiwache. Ich  verzichte gerne auf die Wiedergabe der Befragung der Polizisten, es war einfach nur widerlich!!! Ich wusste gar nicht, was ich darauf antworten sollte, solche Fragen stellen  sie mir, alles im Beisein meiner Mutter! Na ja, was soll ich sagen, ich war ja noch so klein und natürlich kriegten die Beamten alles aus mir raus! Es wurde sofort eine Anzeige gegen meinen damals ja schon 16-jährigen Kousin gemacht, auch die Schule und das Jugendamt wurden sofort verständigt. Was aber dann zu Hause und in unserem Verwandtenkreis begann, war die Hölle!! Ich wurde als Lügnerin, als Hure, Schlampe, Flittchen und Herumtreiberin beschimpft, Franz, so hieß mein Kousin würde niemals so etwas machen, ich  wäre wohl mit jedem Mann ins Bett gestiegen, usw...usw...!!Der ganze Ort tuschelte über uns und das war wohl für meine Mutter das Schlimmste, denn ihr war bis zu ihrem Tod nur immer wichtig was die Nachbarn denken und sagen, niemals interessierte sie  was ich dachte, fühlte und was ich eigentlich durchmachen musste!! Mein Papa muss mir wohl geglaubt haben, ich sah es in seinen Augen, aber er hatte niemals die Kraft sich gegen meine Mutter  durch zu setzen, er arbeitete noch mehr, machte Überstunden ohne Ende ..und schwieg! Niemals haben er und ich über diese Sache gesprochen auch später nicht, es wurde einfach in eine Ecke gestellt und totgeschwiegen.

1959

 Im Jahre 1959 heiratete mein Bruder Karl. Es wurde in einem Gasthaus gefeiert und ich weiß noch, dass ich mich  sehr unwohl fühlte, denn so jung ich auch noch war, spürte ich doch, dass man  mich anstarrte und hinter der vorgehaltenen Hand und hinter meinem Rücken tuschelte!  Am Abend, es war schon sehr dunkel, musste ich  zur Toilette. Dazu musste man einen langen  Hof  durchmarschieren und dort befand sich dann ein kleines Häuschen, weit abseits vom Gasthaus. Also marschierte ich los,  ging aufs Clo und als ich wieder rauskam stand  der Trauzeuge meines Bruders vor mir. Er drängte mich wieder zurück auf die Toilette drückte mich mit einer Hand gegen die Wand und mir der Anderen  zog er sich die Hose runter. Ich zappelte und schrie und es gelang mir die Tür aufzureißen. Plötzlich standen mein Bruder und meine Mutter vor mir und sahen mich ganz zerzaust und  diesen Kerl (ich weiß seinen Namen nicht mehr) mit herunter gelassener Hose dastehen. Dieses Schwein  fing  auf einmal an mich anzuschreien und erklärte ,er wäre zur Toilette gegangen und ich wäre ihm nachgegangen und hätte  mich einfach an ihn rangemacht und wäre ihm  an die Hose gegangen!  Er schrie mich an, er hätte ja eh gewusst, dass ich eine kleine Nutte sei, aber dass ich  ihm sogar bis aufs  Clo  nachlaufen und mich an seinen Hals werfen würde, das ginge doch zu weit!  Mein Bruder beschimpfte mich als Flittchen, drehte sich um und würdigte mich keines Blickes mehr und meine Mutter packte mich an den langen Haaren und  schlug immer wieder  hysterisch schreiend auf mich ein während sie mich zurück über den Hof in den Gasthof zog.  So endete die Hochzeitsfeier meines Bruders mit einem Riesenknall ! Leider glaubt mein Bruder auch heute noch all diesen Scheiß, er hat überhaupt bis heute nichts, aber auch gar nichts begriffen........  was  man mir  alles angetan hatte, er wills einfach nicht wahrhaben,  so wird es sein, denn  egal wie oft ich ihm endlich alles erklären wollte, er hörte und hört mir nicht zu, fertig..aus!! Ich , die überhaupt nichts getan hatte, war wieder einmal die Schuldige!! Bis heute spricht mein Bruder nur  an Begräbnissen (Papa und Mama) mit mir, notgedrungen, denn da treffen wir halt  aufeinander, ansonsten sehen  wir uns nie, und auch jetzt sind es schon wieder 12 Jahre her, dass ich meinen Bruder das letzte Mal gesehen habe!! 

1959 bis 1960

In der Schule wurde es immer schlimmer, ich glänzte immer mehr mit Abwesenheit , trieb mich nur noch am Schloßberg  herum und verkroch mich  in meine Höhle. Papa merkte eigentlich gar nichts davon, denn er dachte wenn er spät von der Arbeit nach Hause kam, dass ich schon schlafen würde, und meiner Mutter war es wohl egal geworden. Ich ließ mir aber auch nichts mehr von ihr sagen oder befehlen, es herrschte eisiges Schweigen zwischen uns! Wenn ich heute daran zurück denke, dann ist es mir  unvorstellbar, wie meine Mutter ihre erst 11-jährige Tochter  so rumgammeln lassen konnte!  Es kam wie es kommen musste, die Schule schaltete  auch noch das Jugendamt ein, auch die Polizei hatte dem Amt gemeldet was mit meinem Kousin passiert war, und es dauerte nicht lange bis die Tante  vom Jugendamt vor der Tür stand! Mich schickten sie bei diesem Gespräch hinaus, ich schnappte mir  das Fahrrad der Beamtin und fuhr auf unserer Hauptstrasse auf und ab......und bumm....direkt in einen parkenden Lastwagen hinein! Das ganze Rad war verbogen und nicht mehr zum Zurückfahren geeignet.......grins....jetzt als Erwachsene muss ich darüber herzlich lachen, denn das Gesicht der lieben Frau vom Jugendamt  war aber auch zu lustig, ihr sind doch fast die Augen aus dem Kopf gefallen, als sie  wieder abfahren wollte!!! Na ja, was soll ich sagen, bevor mich meine Mutter erwischen konnte, war ich schon wieder  weg auf dem Weg zu meinem Bunker am Schlossberg.  Dann ging alles ganz schnell, im November hatte mein Bruder geheiratet und im Mai kam ich in das Jugendheim für schwer erziehbare Kinder! Ich hatte keine Träne  beim Abschied vergossen im Gegenteil, als meine Mutter zu heulen anfing, waren bestimmt nicht echt diese Tränen, habe ich sie ausgelacht, ich war froh, dass ich endlich  von zu Hause weg geholt wurde, nur um meinen Papa war mir leid, aber sonst vermisste ich nichts, ach ja, natürlich meine Katzen und meinen Hund, aber  NICHT meine Mutter!!

Hier bin ich als 12-Jährige, meine 1.Weihnachten im Heim!

So war ich also im Heim gelandet, und was ich dort erleben musste, habe ich ja bereits auf meiner Seite "Jugendheim Hollabrunn" aufgeschrieben! Im Jahre 1960 stand mir dann noch Einiges bevor!! Im November  war die Verhandlung gegen meinen Kousin Franz angesetzt. Eine Klosterschwester fuhr mit mir  zum Gericht  nach Wr. Neustadt, und schon am Gang dieses Gerichtsgebäudes war die ganze Familienmeute versammelt. Kaum als sie mich sahen, stürzten sie über mich her, redetet auf mich ein und  baten mich, ich solle doch Franz nicht seine Zukunft kaputt machen, ich soll doch meine Aussage zurückziehen, und....und...und.....an mich dachte keiner!!! Niemand fragte mich, wie es mir geht, nicht mal meine Mutter!!!! Mein Bruder war auch anwesend und sagte zu mir , wenn ich nicht meine Aussage zurücknehmen würde, dann wäre ich für ihn gestorben!!!! Also stand ich mit meinen 12 Jahren vor dem Richter, so wie so total eingeschüchtert von der Umgebung, den Menschen, die ich nicht kannte , und ich sollte alles noch einmal erzählen! Ich spürte die Blicke, die Gedanken  der "Familie" und als der Richter mich aufforderte alles zu erzählen, sagte ich, ich hätte das Alles nur erfunden und  es sei eine Lüge! Ich sagte dann kein Wort mehr, denn ich hatte solche  Angst vor den Reaktionen meiner Mutter, Bruder Tante usw.....so habe ich mich einfach  selber als Lügnerin hingestellt und  blieb eisern dabei!! Mein Kousin wurde freigesprochen!!! Noch heute spüre ich diese Hilflosigkeit, diese Qual in mir, wenn ich daran denke, mein Gott kein Mensch kam auf die Idee mich alleine zu befragen, mir zu helfen, was waren das nur für Menschen!!!!! Ich schämte mich fürchterlich, weil alle mich jetzt für eine Lügnerin hielten, erst nach vielen Jahren habe ich ein Gespräch zwischen meiner Mutter und ihrer Schwester belauscht, ich hörte wie meine Tante  sagte, "Wenn deine Tochter die Wahrheit gesagt hätte, dann säße mein Sohn im Gefängnis!" Dies bedeutete wohl, dass sie genau wussten und gewusst haben, dass ich die Wahrheit gesagt hatte, aber ich wurde für  diesen Scheisskerl einfach geopfert!!! Wie eine Mutter da mitspielen konnte, ich frage mich das immer wieder...auch jetzt, beim Schreiben dieser Geschichte bricht mir fast das Herz, merke, dass ich tief drinnen so viele Verletzungen  habe, und doch habe ich bis heute geschwiegen! Was hätte es auch für einen Sinn gehabt, ich war einfach NICHT wichtig!!!! 

1960 bis 1966

In all den Jahren hatte mich mein Bruder nur ein einziges Mal im Heim besucht! Meine Eltern kamen einmal im Monat, manchmal aber kamen sie vergebens, denn  ich weigerte mich sehr oft meine Mutter zu sehen! Manchmal ging sie dann einfach weg und dann verbrachte ich ein paar Stunden mit meinem Papa, ihn wollte ich ja sehen, aber sie nicht!!  In der Schule war ich die Klassenbeste und blieb es auch bis ich die Schule verlassen hatte!!  Im Jahre 1964 wurde ich das 1. Mal aus dem Heim entlassen, aber  schon 2 Monate später war ich wieder drinnen, ich setzte alles daran, um wieder bei meiner Sr. Berchmana, meiner "Mama" sein zu dürfen!!  Im Jahre 1966 am 15.Mai wurde ich dann endgültig  entlassen, mein Gott wie sehr habe ich doch geweint, ich wollte ja nicht raus aus dem Heim, aber da mein Papa ja gegen ein Studium war (Mädchen heiraten ja so wie so, war seine Meinung!), musste ich endgültig raus! Am 20. Mai , nur 5 Tage später habe ich dann einen jungen Mann kennen gelernt. Ich wollte ihn überhaupt nicht, aber ich sah eine Möglichkeit meinem Elternhaus zu entfliehen , und weil Werner, so der Name des Mannes  total verrückt nach mir war, habe ich ihn am 12.Dezember 1966, also noch im Jahr meiner Entlassung aus dem Jugendheim , geheiratet! Im März 1968 kam dann meine Tochter Sonja zur Welt, 2 Jahre später  mein Sohn Harald.  Natürlich konnte diese Ehe nicht gut gehen, denn  ich habe diesen Mann niemals  ehrliche Liebe entgegen bringen können, so sehr ich es auch versuchte, es ging einfach nicht, mehr als Freundschaft konnte ich einfach  nicht aufbauen! Für mich wurde  es immer  klarer,  dass ich mich von ihm trennen würde, und noch im Krankenhaus, nachdem ich nach Haralds Tod aus dem Koma wieder erwacht bin, habe ich ihm klar gemacht, dass ich nie wieder mit ihm zusammen leben wollte!  Er ging einfach, und ich habe ihn erst im Jahre 1978 wiedergesehen, als ich  beschloss mich endlich von ihm scheiden zu lassen! Damals sagte er mir, er  würde nie wieder lieben können, zu sehr hätte er mich geliebt! Er starb 1 Jahr später im Jahre 1979 mit nur 35 Jahren an Lungentuberkulose. Heute ist mir bewusst wie schwer es für ihn gewesen sein muss, denn auch ich habe meine große Liebe Roger verloren, wenn auch unter anderen Umständen, aber ich weiß wie schwer es ist wieder jemanden  zu lieben, wenn man wirklich aus tiefstem Herzen geliebt hat!! 

1976 bis 1984

Als ich 1976 aus Afrika zurück gekommen bin, merkte ich, dass sich am Verhalten meiner Mutter nichts, rein gar nichts mir gegenüber verändert hatte, im Gegenteil, jetzt lehnte sie mich total ab, denn ein "Neger" in der Familie???? Oh Gott welch eine Schande, sollte Roger doch noch nach Europa kommen und wieder mit mir zusammen leben!!!!!!! Sie hatte keinen Respekt vor meiner Trauer meiner inneren Zerrissenheit , ich litt wie ein Hund, war vor Schmerz wie gelähmt, aber Mutter war das alles egal, ihre Sorge galt ganz alleine der Tatsache, dass ich einen Schwarzen liebte und dieser der Papa meiner Tochter Sonja werden könnte!!!! Wir hatten nur Streit und nach ein paar Wochen wußte ich, dass ich wieder gehen müsste, weg aus diesem verdammten kleinen Ort, weg von dem Unvermögen meiner Mutter endlich zu akzeptieren, dass ich eben nicht so "funktionierte" wie sie es sich einbildete!! Also ab nach Wien, dort suchte ich mir ein kleines Zimmer, fand auch einen Einzelraum , 16m2 groß, aber ich war endlich alleine, konnte mich meinem Schmerz und meiner Trauer hingeben, ohne andauernd rassistische Bemerkungen  mir anhören zu müssen! Ich fand sofort Arbeit als Sekretärin , verdiente sehr gut und der Chef  dieser Firma  wurde  nach 1 Jahr mein Lebensgefährte. ich habe ihn nie geliebt, wie könnte ich auch, mein Herz  war bei Roger in Afrika geblieben, ist wohl mein Schicksal immer einen Mann zu haben, der zwar mich über alles liebte, dessen Gefühle ich aber niemals, auch nicht nach vielen Jahren nicht erwidern konnte! Ich hatte nur alle Hoffnung verloren, dass Roger es schaffen würde  aus seinem Land raus zu kommen, also ging ich diese Vernunftsbindung ein, ich wollte endlich meine Tochter ganz bei mir haben, Heinz konnte mir alles bieten, Geld, Wohnung und er liebte auch mein Kind! Meine Mutter dreht fast durch als wir Sonja einfach abholten und sie mit uns nach Wien mitnahmen, Heinz kam ihr aber so weit entgegen, dass er meinen Eltern in Wien eine Wohnung bezahlte und sie so in der Nähe von meiner Tochter wohnen konnten. Meine Mutter wuchs um 2 m, sie bildete sich weiß Gott was  auf diesen vermögenden Schwiegersohn ein, sie merkte wirklich nie, dass ich das alles nur für meine Tochter getan hatte, ich war kreuz unglücklich. Heinz war ihr Alles, sie hat ihn angebetet, besser gesagt sein Geld, denn wenn ich mal anklingen ließ Heinz eventuell  verlassen zu wollen, kam sofort wieder ihre Gefühlskälte  zum Vorschein, sie  erklärte mir dann immer, ich hätte doch alles was ich mir wünschen würde, und Liebe wäre eh nur eine Einbildung, sie würde Papa ja auch nicht lieben und wäre immer noch bei ihm. Typisch Mama, nicht sie war noch bei Papa sondern Papa war noch bei ihr!!! Dies aber hat sie niemals kapiert, SIE war eben die Beste, die Schönste, Papa könne ja sooooooo froh sein sie bekommen zu haben! Armer Papa!!!!! Er hatte bis zu seinem Tod die Hölle mit dieser Frau!!!!! Als Papa dann im Jahre 1989 starb, besorgte ich ihr eine kleine Gemeindewohnung gleich hier neben mir, irgend jemand musste sich ja um Mama kümmern, mein Bruder dachte ja nicht daran trotz seines Reichtums (er ist wirklich sehr reich!!) auch nur irgendwas für Mama zu tun, also  machte alles Heinz, Telekabel, Heizung, Urlaub, er tat es mir zu liebe.  Heinz hatte mir auch ein Haus gekauft, dieses  ließen wir aber gleich auf die Kinder überschreiben, wir hatten  nur das Wohnrecht bis Lebensende. Es war ein ausbezahltes Haus, ich habe es auf recht üble Weise verloren (Kinder) aber das ist eine andere Geschichte. Mama  wurde 1993 schwer krank, hatte einen Darmriß, dann eine Lungenembolie, war dann 4 Monate im Krankenhaus und zum Schluß habe ich dann noch erfahren, dass sie Darmkrebs hatte. Ich holte sie also aus dem Krankenhaus raus, nahm sie zu mir ins Haus, ich pflegte sie, wusch und windelte sie, niemals ließ ich ihr spüren, dass ich dies alles nur aus einem Pflichtgefühl heraus tat, nein, sie tat mir einfach vom Herzen leid, das war der Grund warum ich das alles getan hatte. Niemals haben wir über das was alles geschehen war miteinander gesprochen, es war zu spät. Im November 1994  verstarb  dann meine Mutter und ich fühlte nichts, einfach gar nichts, keine Trauer, keine Erleichterung, keinen Hass, ich war nicht einmal betroffen über ihren Tod, da war eben nichts, ist nie was gewesen, sie war nur meine biologische Mutter, hat mich geboren, aber DAS war schon alles was sie jemals für mich getan hatte!!! 

 

Wird fortgesetzt....

Zur Seite 2